Sie hören ein Interview mit der Arbeitspsychologin Dr. Ines Kern. Sie hören den Text zweimal. Wählen Sie bei jeder Aufgabe die richtige Lösung a, b oder c.
Transkript (wie im Hörtext gesprochen)
Moderatorin: Frau Dr. Kern, Sie haben untersucht, wie Beschäftigte mit beruflichen Nachrichten nach Feierabend umgehen. Was war das Ergebnis, das Sie selbst am meisten überrascht hat?
Dr. Kern: Ehrlich gesagt war es nicht die Menge der Nachrichten. Ich hatte erwartet, dass die Belastung vor allem dort steigt, wo viel geschrieben wird. Überrascht hat mich, dass Betriebe mit klaren Regeln nicht weniger arbeiten. Die Arbeitsmenge bleibt gleich, aber der Druck verschwindet, weil niemand mehr raten muss, ob eine Antwort heute noch erwartet wird.
Moderatorin: Sie haben für die Studie über tausend Menschen befragt. Wie haben Sie das erhoben?
Dr. Kern: Wir haben 1.240 Beschäftigte aus drei Branchen über zwölf Monate begleitet, mit Tagebucheinträgen und zwei Befragungen. Entscheidend war, dass wir nicht nur gefragt haben, wie oft jemand erreichbar ist, sondern auch, ob er das Gefühl hat, erreichbar sein zu müssen. Das sind zwei verschiedene Dinge.
Moderatorin: Und wie groß ist der Unterschied?
Dr. Kern: Deutlich. 63 Prozent lesen am Wochenende berufliche Nachrichten. Aber nur 41 Prozent sagen, dass von ihnen eine Reaktion erwartet wird. Die anderen schauen aus Gewohnheit oder aus Sorge, etwas zu verpassen. Diese Gruppe könnte man mit klaren Absprachen am leichtesten entlasten.
Moderatorin: Sie sind gegen ein gesetzliches Verbot der Erreichbarkeit. Warum?
Dr. Kern: Weil ein Verbot dort am wenigsten wirkt, wo es am nötigsten wäre. Es ist kaum zu kontrollieren, und in kleinen Betrieben mit internationalen Kunden führt es eher zu Ausweichlösungen als zu Entlastung. Außerdem brauchen wir keine Verbote, sondern Verabredungen, die zum jeweiligen Geschäft passen.
Moderatorin: Die Gegenseite sagt: Ohne Verbot ändert sich nichts, weil der Kunde immer stärker ist als die Regel.
Dr. Kern: Das Argument höre ich oft, und es ist nicht falsch. Aber es beschreibt ein Organisationsproblem, kein Naturgesetz. Betriebe, die Erreichbarkeitsfenster eingeführt haben, haben auch Vertretungen geregelt. Wenn jemand nicht da ist, weiß der Kunde, an wen er sich wenden kann. Das ist der eigentliche Punkt: nicht die ständige Erreichbarkeit schützt das Geschäft, sondern die Verlässlichkeit.
Moderatorin: Was empfehlen Sie konkret?
Dr. Kern: Drei Dinge. Erstens feste Fenster, in denen Antworten erwartet werden, und außerhalb dieser Fenster keine. Zweitens eine benannte Vertretung für jede Funktion. Drittens eine Testphase von drei Monaten, in der man die Erfahrungen auswertet, statt sofort eine Betriebsvereinbarung zu unterschreiben, die dann niemand lebt.
Moderatorin: Und die Führungskräfte?
Dr. Kern: Die sind entscheidend. In unseren Interviews hat sich gezeigt: Sobald eine Führungskraft sonntags eine Nachricht schickt, glaubt niemand mehr an die Regel. Umgekehrt reicht es nicht, dass die Leitung ein Papier unterschreibt. Sie muss sichtbar selbst aufhören.
Moderatorin: Was passiert in Betrieben ohne Regeln?
Dr. Kern: Dort entstehen inoffizielle Praktiken. Manche lesen Nachrichten erst montags, andere antworten sofort und ärgern sich. Beides funktioniert eine Weile, führt aber zu Konflikten, sobald jemand die Erwartungen anders auslegt. Ohne Aushandlung entscheidet am Ende die lauteste Person, und das ist selten die mit den besten Argumenten.
Moderatorin: Frau Dr. Kern, vielen Dank für das Gespräch.