Schichtarbeit: Wenn der Körper gegen den Dienstplan arbeitet
In Krankenhäusern, Logistikzentren und Bäckereien beginnt der Arbeitstag für viele Beschäftigte zu einer Zeit, in der andere gerade schlafen gehen. Dass solche Pläne nicht bloß unbequem sind, sondern biologische Systeme durcheinanderbringen, ist seit Jahrzehnten bekannt – geändert hat sich wenig. Der Grund dafür ist weniger Ignoranz als Ökonomie: Wer rund um die Uhr produziert, kann Maschinen besser auslasten und Aufträge schneller abwickeln.
Die innere Uhr des Menschen ist nicht beliebig programmierbar. Sie richtet sich an Licht und Dunkelheit aus und steuert nicht nur den Schlaf, sondern auch Körpertemperatur, Verdauung und die Ausschüttung von Hormonen. Wer dauerhaft gegen diesen Rhythmus arbeitet, schläft kürzer und weniger erholsam, selbst wenn die Schlafdauer über die Woche gerechnet stimmt. Untersuchungen aus der Arbeitsmedizin deuten darauf hin, dass das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei langjähriger Nachtarbeit erhöht ist; ein eindeutiger Beweis im Sinne einer Ursache-Wirkungs-Kette fehlt allerdings bis heute, weil sich Lebensstil und Arbeitsbelastung kaum voneinander trennen lassen.
Bemerkenswert ist, dass nicht die Nachtarbeit allein als problematisch gilt, sondern der Wechsel. Wer wochenlang nachts arbeitet, stellt sich bis zu einem gewissen Grad um; wer dagegen im Wochenrhythmus zwischen Früh- und Spätdienst pendelt, kommt nie zur Ruhe. Entsprechend empfehlen Arbeitsmediziner längere Intervalle und eine Vorwärtsdrehung der Schichten – also früh, dann spät, dann nachts –, weil sich der Schlafrhythmus in dieser Richtung leichter verschiebt als rückwärts.
In der Praxis scheitern solche Empfehlungen häufig an der Planung. Dienstpläne werden dort, wo Personal knapp ist, nach Verfügbarkeit und nicht nach Verträglichkeit geschrieben. Hinzu kommt, dass Beschäftigte selbst oft kurze Wechsel bevorzugen, weil sie so mehr freie Tage am Stück gewinnen; der kurzfristige Vorteil wiegt schwerer als die langfristige Belastung, zumal die Folgen erst nach Jahren sichtbar werden.
Einzelne Betriebe haben damit begonnen, die Verantwortung anders zu verteilen: Wer einen Plan erstellt, muss begründen, warum er von den Empfehlungen der Arbeitsmedizin abweicht. Ob sich dieses Verfahren durchsetzt, ist offen; erste Auswertungen zeigen jedoch, dass die Zahl der Beschäftigten, die den Betrieb wegen der Arbeitszeiten verlassen, zurückgeht, sobald die Pläne verlässlich veröffentlicht werden.