Sie hören ein Interview mit der Arbeitspsychologin Dr. Reimers über digitale Steuerung im Büro. Sie hören den Text zweimal.
Transkript (wie im Hörtext gesprochen)
Interviewerin: Frau Dr. Reimers, Sie untersuchen seit Jahren, wie digitale Systeme die Arbeit im Büro verändern. Was hat sich in den letzten zehn Jahren tatsächlich verändert?
Reimers: Weniger, als die Werbung verspricht, und mehr, als die Betroffenen merken. Die große Automatisierungswelle ist ausgeblieben. Was zugenommen hat, ist die Taktung: Systeme schlagen vor, priorisieren, erinnern – und verschieben damit die Entscheidung darüber, was wichtig ist, von der Person zur Software.
Interviewerin: Was heißt das konkret?
Reimers: Eine Sachbearbeiterin, die früher selbst entschieden hat, welche Vorgänge dringend sind, bekommt heute eine Liste, die nach einem Score sortiert ist. Sie kann davon abweichen, aber sie muss es begründen. Damit ist die Abweichung erklärungsbedürftig und die Übernahme des Vorschlags der bequeme Weg.
Interviewerin: Sie sprechen von „algorithmischer Lenkung“. Ist das nicht ein zu starker Begriff?
Reimers: Ich halte ihn für präzise, weil niemand angeordnet hat, dass die Liste Vorrang hat. Es gibt keine Weisung, keinen Befehl, nur eine Oberfläche. Genau deshalb ist die Wirkung so schwer zu greifen – und so wirksam.
Interviewerin: Wie reagieren Beschäftigte darauf?
Reimers: Unterschiedlich. Ein Teil entwickelt erstaunliche Strategien, um die Vorgaben zu umgehen: Sie bearbeiten Vorgänge vor, damit sie im Score steigen, oder sie legen bewusst Puffer an. Andere ziehen sich zurück und machen nur noch, was die Liste hergibt. Beides ist rational, aber nur das erste erhält die Handlungsfähigkeit.
Interviewerin: In Ihrem Buch empfehlen Sie den Betrieben, die Systeme zu „zähmen“. Was bedeutet das?
Reimers: Drei Dinge. Erstens: Die Kriterien des Scores müssen offengelegt werden, nicht die Formel, aber die Logik. Zweitens: Es braucht einen Anteil an Vorgängen, der bewusst nicht priorisiert wird, damit Ermessen geübt bleibt. Drittens: Die Einführung muss mit denen verhandelt werden, die damit arbeiten – nicht über sie hinweg.
Interviewerin: Und die Beschäftigten selbst?
Reimers: Sie sollten aufhören, Software für neutral zu halten. Ein System, das Vorgänge sortiert, trifft eine Entscheidung über Wertigkeit. Wer das einmal verstanden hat, fragt anders nach: Wer hat das festgelegt, und wer haftet, wenn es falsch ist?
Interviewerin: Frau Reimers, vielen Dank für das Gespräch.