Sie hören eine Diskussion mit drei Personen: Frau Halbach (Wirtschaftswissenschaft), Herr Weigand (Unternehmer) und Frau Ostrowski (Sozialberatung). Sie hören den Text zweimal.
Transkript (wie im Hörtext gesprochen)
Halbach: Die Frage, um die es heute geht, lautet: Brauchen wir ein bedingungsloses Grundeinkommen, weil die Arbeit knapp wird? Ich habe dazu ein Gutachten vorgelegt. Ich beginne mit einer Einschränkung. Die bisherigen Modellversuche sagen weniger, als ihnen zugeschrieben wird. Die Summen waren zu klein, um Verhalten zu verändern, und die Laufzeit zu kurz, um Aussagen über Arbeitsentscheidungen zu treffen. Trotzdem halte ich die Richtung für richtig.
Weigand: Da bin ich anderer Meinung, und zwar aus einem praktischen Grund. In den Versuchen haben sich Menschen beworben, die ohnehin bereit waren, über ihre Arbeit zu sprechen. Wer unter Druck steht, bewirbt sich nicht für ein Forschungsprojekt. Die Ergebnisse betreffen also eine Auswahl der Motivierten.
Halbach: Das ist ein fairer Einwand, aber er trifft die Finanzierungsfrage nicht. Mein Modell rechnet mit der Abschaffung eines Großteils der bestehenden Transfers: Wohngeld, Kinderzuschlag, Teile der Grundsicherung. Was übrig bleibt, wird über eine höhere Abgabe auf hohe Kapitaleinkünfte gegenfinanziert.
Weigand: Und genau diese Rechnung halte ich für eine Illusion. Sie setzt voraus, dass niemand sein Verhalten ändert: nicht die Vermieter, nicht die Arbeitgeber, nicht die Menschen, die heute Teilzeit arbeiten, weil sich mehr nicht lohnt. Außerdem spart der Staat weniger Verwaltung, als Sie annehmen – die Beratungsstellen verschwinden nicht, weil Menschen mit einem Bescheid allein gelassen werden.
Ostrowski: Da möchte ich einhaken, weil ich diese Beratungsstellen beruflich kenne. Ich sehe jeden Tag Menschen, denen Geld fehlt – aber eben nicht nur Geld. Wer drei Jahre ohne Beschäftigung ist, hat keinen Tagesrhythmus, keine Termine, kein Netzwerk. Ein Betrag auf dem Konto löst das nicht.
Halbach: Das bestreite ich nicht, und ich habe nie behauptet, ein Grundeinkommen ersetze soziale Arbeit. Meine These ist bescheidener: Es nimmt den Druck aus Entscheidungen, die heute aus Existenzangst getroffen werden – welche Stelle man annimmt, welche Weiterbildung man sich zutraut.
Ostrowski: In der Praxis meiner Klientel wäre der Effekt kleiner, als Sie hoffen. Wer psychisch krank ist oder Schulden hat, kommt mit einem Formular nicht zurecht, auch wenn es ein einfacheres ist. Was ich bräuchte, wäre ein Anspruch, der nicht an Anträgen hängt, plus Begleitung.
Weigand: Und ich bleibe dabei: Wenn wir etwas reformieren, dann gezielt. Eine negative Einkommensteuer erreicht genau die, die wenig verdienen, ohne dass wir Studenten und Gutverdienern einen Scheck schicken.
Ostrowski: Wenn wir das machen, dann bitte als Modellversuch in zwei oder drei Kommunen, über fünf Jahre, mit Beratung im Paket und mit einer unabhängigen Auswertung. Alles andere ist Symbolpolitik.
Halbach: Mit einem solchen Versuch könnte ich leben – wenn die Höhe des Betrags wirklich existenzsichernd ist. Ein Versuch, der zu niedrig ansetzt, wird wieder nichts beweisen.