Lernen auf Kommando – Warum Betriebe ihre Erfahrenen übersehen
Wer über den Fachkräftemangel klagt, spricht meist über Menschen, die erst noch eingestellt werden müssten. Dabei sitzt das größte Potenzial häufig in den eigenen Reihen – vorausgesetzt, man investiert in die, die schon da sind. Eine Erhebung unter 400 mittelständischen Betrieben zeigt allerdings, dass Weiterbildung zwar als wichtig gilt, aber selten systematisch geplant wird: Nur jedes dritte Unternehmen verfügt über einen verbindlichen Weiterbildungsplan, in den meisten Häusern entscheidet die unmittelbare Führungskraft, wer einen Kurs besuchen darf.
Auffällig ist dabei ein Muster, das die Studienleiterin den „Teufelskreis der Bewährten“ nennt. Gefördert werden vor allem diejenigen, die bereits als leistungsstark gelten; wer länger als zehn Jahre dieselbe Tätigkeit ausübt, wird seltener angesprochen. Das geschieht selten aus Böswilligkeit, sondern weil Vorgesetzte das Risiko scheuen, eine eingespielte Abteilung drei Wochen ohne ihre erfahrenste Kraft zu führen. Ältere Beschäftigte erhalten damit genau dann keine Qualifizierung, wenn ihre Tätigkeit durch Software ersetzt werden könnte.
Ein Hotelunternehmen aus Sachsen hat diesen Kreislauf nach eigenen Angaben durchbrochen, indem es die Weiterbildung von der Zustimmung der Führungskräfte entkoppelte. Zweimal im Jahr werden alle Beschäftigten zu einem Gespräch eingeladen, in dem es ausschließlich um ihre berufliche Entwicklung geht; die Teilnahme an Kursen gilt als Arbeitszeit, für die Zeit der Abwesenheit wird eine Vertretung bezahlt. Der Personalchef räumt ein, dass dies zunächst teuer gewesen sei, inzwischen habe sich die Fluktuation in den betroffenen Abteilungen jedoch halbiert.
Die Auswertung der Anmeldungen enthält einen Befund, der vielen Annahmen widerspricht: Abendkurse nach achtzehn Uhr wurden kaum genutzt, Wochenendangebote noch weniger. Wer im Schichtbetrieb arbeitet, so das Fazit, lernt nicht dann, wenn es dem Betrieb passt, sondern dann, wenn es in den Alltag passt. Wer Weiterbildung ernst nimmt, muss deshalb nicht nur das Budget erhöhen, sondern Arbeitszeit umverteilen – eine Entscheidung, die keine Weiterbildungsabteilung allein treffen kann.