Fünf Stimmen zur Automatisierung
Fünf Stimmen zur Automatisierung der Arbeitswelt
(a) Katrin Behnisch, Sekretärin einer Industriegewerkschaft: „Ich habe nichts gegen Maschinen, die schwere Arbeit übernehmen. Was mich stört, ist die Verteilung der Kosten: Wer mit Algorithmen Gewinne erzielt, muss auch für die Qualifizierung derer aufkommen, deren Stellen verschwinden. Wir fordern deshalb einen Tarifvertrag, der Weiterbildung nicht als freiwillige Wohltat, sondern als einklagbare Pflicht festschreibt – finanziert von den Betrieben, die die Technik einführen.“
(b) Hannes Rüdiger, Inhaber eines Maschinenbaubetriebs mit 90 Beschäftigten: „Wir haben in den letzten fünf Jahren drei Anlagen automatisiert und niemanden entlassen; die Belegschaft ist heute älter als damals. Was uns blockiert, sind nicht die Kosten der Technik, sondern die Förderverfahren: Für einen Zuschuss von 15.000 Euro brauche ich einen Berater, zwei Gutachten und ein halbes Jahr Geduld. Ich will Geld, das ich ohne Antragsarchitektur abrufen kann.“
(c) Prof. Dr. Nadezhda Larsen, Industriesoziologin: „Die Debatte über Umschulung verdeckt, dass viele Qualifikationen nicht ersetzt, sondern entwertet werden: Wer zwanzig Jahre lang Anlagen eingerichtet hat, dessen Wissen verliert an Marktwert, ohne dass ein Kurs das ausgleicht. Wir sollten deshalb nicht nur über den Aufstieg nach oben sprechen, sondern über die Aufwertung einfacher Tätigkeiten – über Löhne, Anerkennung und Mitbestimmung bei der Einführung von Systemen.“
(d) Dr. Milan Kovač, Arbeitsmarktforscher bei einem Wirtschaftsverband: „Die öffentliche Vorstellung, Algorithmen würden binnen weniger Jahre ganze Berufe auslöschen, hält keiner Prüfung stand. In unseren Daten verschieben sich Tätigkeiten schrittweise, und der eigentliche Engpass ist ein anderer: Wir finden keine Leute. Wer über Automatisierung redet, ohne über Zuwanderung und Arbeitszeit zu reden, beschreibt nur die halbe Lage.“
(e) Sophie Aydin, Gründerin eines Softwareunternehmens: „Natürlich entstehen neue Berufe – Datenpflege, Modellbewertung, Schnittstellenbetreuung. Nur entstehen sie selten für die Menschen, die ihren Job verlieren: Ein Lagerarbeiter wird nicht dadurch Datenanalyst, dass man ihm einen Kurs empfiehlt. Ich plädiere für Qualifikationskonten, die an die Person gebunden sind und beim Arbeitgeberwechsel mitgenommen werden können.“